Schneeschieber und Räumfahrzeuge sind zum Glück doch nicht gebraucht worden, um den feiernden Narren in Mainz die Rosenmontagszugstrecke frei zu machen. Auch wenn das am Abend zuvor in weiten Teilen des zu diesem Zeitpunkt überwiegend weißen Rheinhessens erwartet worden war. Bis 11.11 Uhr – also dem offiziellen Beginn der pünktlich auf der Boppstraße gestarteten Narrenparade – ließ sich die Sonne am Vormittag sogar mehrfach sehen. Entlang der sieben Kilometer langen Strecke setzte sich deshalb nach und nach die Erkenntnis durch, dass der Wettergott wohl ein überzeugter Fastnachter sein müsse. Weil reichlich Wurfmaterial von den vorbeifahrenden Wagen fiel, dürfte die von den Zuschauern rasch in Taschen und Tüten gestopfte Ausbeute in den meisten Fällen erfreulich gut gewesen sein. Zwischen die vorneweg marschierende Mainzer Rittergilde und die wie immer als Letzte hinterherwatschelnde „Zugent(d)e“ passten diesmal exakt 119 weitere Nummern: von den im nächsten Jahr 100 Jahre alt werdenden Schwellköpp über den Verein der Schnudedunker bis hin zu den alles überragenden „Winkemännerwagen“ diverser Fastnachtskorporationen. Den elf gezeigten Motivwagen, die als „rollende Satire“ der ganze Stolz der Mainzer Karnevalisten sind, hat es diesmal allerdings an Esprit und Schärfe gefehlt. Weder Putin noch China und auch nicht Iran wurden thematisiert. Was die närrischen Mitbewerber aus Köln und Düsseldorf deutlich besser gemacht haben. Dennoch kamen Hunderttausende Besucher – am Ende dürfte es wieder die üblicherweise vermeldete Zahl von „mehr als einer halben Million Zuschauer“ gewesen sein – in die rheinland-pfälzische Karnevalshochburg am Rhein. Um dort ein paar unterhaltsame Stunden zu erleben und dem Grau des Winters sowie den weltweit zu erlebenden Krisen und Konflikten zu entfliehen. Getreu dem von der erfolgreichen Kölschband Kasalla ausgegebenen Motto: „Die Welt wird immer mehr zum Irrenhaus – lasst es uns wenigstens bunt anmalen!“ Ob der stürmische Donald Trump, der als amerikanischer Präsident der wehrlosen Freiheitsstatue „Miss Liberty“ arg zu Leibe rückt, oder der mit Pfeil und Bogen auf Drohnenjagd gehende deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD): Die jeweils bis zu 20.000 Euro kostenden Motivwagen, die meist mit einer Stahlunterkonstruktion sowie viel Styropor und reichlich Farbe gestaltet werden, waren letztlich schon die von den Machern gewünschten Hingucker. Selbst wenn die eine oder andere Botschaft, etwa zu den verschwundenen Flamingos im Mainzer Stadtpark-Weiher, eigentlich ein bisschen „von gestern“ war. An der Musik – vor allem an den Blechbläsern und den Ohrwürmern – gab es beim 122. Rosenmontagszug seit Gründung des für die Straßenfastnacht verantwortlichen Mainzer Carneval-Vereins von 1838 wenig bis nichts zu mäkeln. Ohnehin müssen in jedem Jahr viele Puzzleteile zusammengeführt werden, damit das an den sechs „Tollen Tagen“ präsentierte Narrenbild, mit Weiberfastnacht, Fernsehsitzung und dem Rosenmontagsumzug, stimmt. Alles in allem werden dem Vernehmen nach jeweils rund 750.000 Euro benötigt, um das vierfarbbunte Treiben auf den Straßen und Plätzen sowie vor mehreren Bühnen in der Innenstadt zu organisieren. Neben etlichen Sponsoren unterstützt auch die Stadt selbst die Brauchtumspflege, die letztlich viel Arbeit und Dreck macht. Bevor „de Zuch kimmt“, müssen etwa Absperrgitter aufgestellt werden. Und am Ende, wenn sich das Narrenvolk wieder aus dem Staub gemacht hat, sind erfahrungsgemäß rund 100 Tonnen Müll in der Innenstadt aufzukehren. Dafür kommen neben 125 Mitarbeitern des Entsorgungsbetriebs auch Radlader mit Vorlaufbesen, Wasserwagen und Bürgersteigkehrmaschinen zum Einsatz. Weshalb sich nach dem Rosenmontagszug, wenn auf dem Schillerplatz und der Ludwigsstraße noch bis tief in die Nacht hinein weitergefeiert werden darf, nicht nur die am Zug beteiligten mehr als 9000 Mainzer Fastnachter, sondern auch Polizisten, Rettungskräfte sowie „Saubermänner und -frauen“ ein dreifach dankbares Helau verdient haben.
